Die zweitägige Konferenz für Friedenspädagogik, organisiert von der Stiftung für Bildung und Erziehung, der Stiftung Dialog und Bildung, dem Wertvolle Schulen Netzwerk sowie dem House of One und unterstützt durch den Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin und das Bezirksamt Spandau, fand am 25. und 26. April 2026 in der Zitadelle Spandau sowie auf dem Campus Wilhelmstadtschulen in Berlin statt.
Die Konferenz, zu der hochkarätige Referentinnen und Referenten geladen waren, stieß bei Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften auf großes Interesse. Wir möchten Ihnen einen kurzen Einblick in die Veranstaltung geben, die insgesamt 160 Teilnehmende begrüßen durfte:
Akademische Vorträge und Panels
Samstag, 25.04.2026
Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Stiftung Dialog und Bildung, Herrn Ercan Karakoyun, und den Vorsitzenden der Stiftung für Bildung und Erziehung, Herrn Irfan Kumru, führte Herr Ahmet Daskin durch die gesamte Friedenspädagogik-Konferenz.
Am ersten Tag standen wissenschaftliche Impulse und fachlicher Austausch im Vordergrund:

1. Panel: Friedensbildung unter Druck
Moderation: Ercan Karakoyun
- Prof. Uli Jäger (Friedensforscher) betonte, dass Friedensbildung angesichts aktueller globaler Krisen unter hohem Druck steht und forderte eine „Repolitisierung“ sowie die Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Kindern. Frieden müsse dabei als dynamischer Prozess verstanden werden, der sowohl den inneren Frieden des Einzelnen als auch die globale Gerechtigkeit umfasst.
- Prof. Dr. Elisabeth Naurath (Religionspädagogin) beschrieb die aktuelle Weltlage als „disruptive Ungleichzeitigkeit“ und plädierte für transformatives Lernen, das etablierte Denkmuster kritisch hinterfragt. Religiöse Bildung müsse dabei als Demokratiebildung wirken, die durch interreligiöse Solidarität Hoffnung stifte und gemeinsame Verantwortung für globale Krisen übernehme.
- Prof. Dr. Meron Mendel (Publizist & Historiker) warnte vor einer „selektiven Empathie“, die nur den Schmerz der eigenen Seite sieht, und sieht den „Frieden von unten“ durch reale Begegnungen als einzige Alternative zur Eskalation. Friedenspädagogik müsse darauf abzielen, den anderen nicht als abstraktes Feindbild, sondern als konkrete Person mit legitimen Bedürfnissen anzuerkennen.
- Mustafa Üyrüs (Schulleiter) legte dar, dass Schulen in einer zunehmend diversen Gesellschaft über die reine Wissensvermittlung hinaus als Wertevermittler und Brückenbauer fungieren müssen. Um den gesellschaftlichen Frieden zu sichern, sei eine inklusive Schulkultur notwendig, die soziale Ungleichheiten aktiv reflektiert und jedem Kind Wertschätzung entgegenbringt.

2. Panel: Polarisierung und gesellschaftliche Spannungen
Moderation: Sabine Süß
- Prof. Dr. Christoph Weller (Universität Augsburg) beschrieb gesellschaftlichen Frieden als einen kontinuierlichen Prozess, der nicht die Abwesenheit von Konflikten bedeute, sondern deren konstruktive Bearbeitung erfordere. Frieden entstehe dort, wo Konfliktparteien einander anerkennen und etablierte Institutionen sowie Regeln zur gewaltfreien Austragung von Differenzen nutzen, anstatt diese eskalieren zu lassen.
- Prof. Dr. Norbert Frieters-Reermann (KatHO NRW) plädierte für eine Friedenspädagogik, die neben kognitiven Analysen verstärkt die emotionale und körperliche Ebene anspricht, um Handlungsfähigkeit in Krisenzeiten zu erhalten. Zentral sei dabei die Förderung von Dialogräumen, in denen Störungen Vorrang haben und Fachkräfte durch biografische Selbstreflexion ihre eigenen Privilegien und Vorurteile kritisch hinterfragen.
- Dr. Samet Er (Universität Vechta) warnte vor einer schleichenden Normalisierung extremistischer Sprache und beobachtet ein sinkendes Alter bei Radikalisierungsprozessen, die oft psychologische Lücken in Biografien füllten. Prävention müsse daher frühzeitig ansetzen, Identitätsfragen ernst nehmen und die wechselseitige Aufschaukelung verschiedener extremistischer Milieus – die sogenannte reziproke Radikalisierung – durchbrechen.
3. Panel: Best Practice und pädagogische Ansätze aus der Praxis
Moderation: Ahmet Daskin
- Bünyamin Baykus (Schulleiter Campus Wilhelmstadtschulen) berichtete aus dem Schulalltag eines hochgradig pluralen Campus und betonte, dass Friedenspädagogik flexible, kreative Wege wie Schüleraustausche und Musikprojekte benötigt, um echte Begegnungen zu ermöglichen. Besonders wichtig sei eine „schonungslose Aufarbeitung“ der Geschichte und die Vermittlung von Erinnerungskultur, um Schülern einen moralischen Kompass gegen Antisemitismus und Hass zu geben.
- Sabine Süß (Stiftungen für Bildung e.V.) plädierte für einen weiten Bildungsbegriff, der über den formalen Rahmen der Schule hinausgeht und lebenslange Lernprozesse in gemeinsamen Erfahrungsräumen im Sozialraum einschließt. Ziel sei die Entwicklung empathischer Persönlichkeiten durch Kooperationen mit der engagierten Zivilgesellschaft und außerschulischen Partnern, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
- Alice Kroll (Stiftung Weltethos) stellte den Weltethos-Ansatz vor, der auf gemeinsamen ethischen Werten aller Weltreligionen und Philosophien basiert, um Differenz im Dialog als Ressource für Demokratiebildung zu nutzen. Durch konkrete Programme an Schulen werden Schüler dazu befähigt, ethische Reflexionsfähigkeit zu üben und durch Projektarbeit Selbstwirksamkeit in einem wertorientierten Miteinander zu erfahren.
- Theologe Osman Örs & Theologin Patricia Böckmann (House of One) präsentierten das House of One als interreligiösen Lern- und Begegnungsort, der durch Projekte wie „Macht Schule“ und Friedensgebete den Dialog zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen fördert. In der pädagogischen Praxis fungieren divers besetzte Referententeams als Vorbilder für gelingende Interaktion über religiöse Unterschiede hinweg, wobei Kunst und Musik als Filter für die inhaltliche Friedensarbeit dienen.
Nach jedem Panel hatten die Konferenzteilnehmenden die Möglichkeit, Fragen an die Panelrednerinnen und -redner zu stellen. In den Pausen fand bei kulinarischen Köstlichkeiten und Kaffee ein reger Austausch statt. Auf dem „Marktplatz“ wurden praktische Bildungsarbeiten an acht Ständen präsentiert und Materialien angeboten.
Folgende Einrichtungen nahmen am Marktplatz teil:
- Netzwerk Wertvolle Schulen
- Leinetalschulen
- Eugen-Langen-Gesamtschule
- House of One
- Stiftung Weltethos
- Campus Wilhelmstadtschulen
- Berghof Foundation
Workshops und Praxis
Sonntag, 26.04.2026
Am Sonntag arbeiteten rund 60 Pädagoginnen und Pädagogen in verschiedenen Workshops an praktischen Lösungen zu folgenden Themen:
- Wenn es brennt: Kontroverse Themen im Klassenzimmer moderieren (Leitung: Ahmet Daskin)
- Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus gemeinsam bearbeiten (Leitung: Gülende Albayrak)
- Vom Konflikt zum Gespräch: Dialogräume wirksam gestalten (Leitung: Sefika Coskun)
- Emotionen verstehen: Identität und Konflikt in der pädagogischen Praxis (Leitung: Deniz Demirkan)
- Demokratie lernen: Partizipation im Schulalltag stärken (Leitung: Frau Efe)
- Radikalisierung erkennen: Handlungssicherheit im pädagogischen Alltag (Leitung: Dr. Samet Er)
- Schule als sicherer Raum: Vielfalt, Respekt und Zugehörigkeit fördern (Leitung: Alice Kroll)
- Praxislabor Friedensbildung: Projekte entwickeln und umsetzen (Leitung: Kübra Dalkilic)
Nach der intensiven Erarbeitung hielten die Teilnehmenden ihre Ergebnisse schriftlich fest. Im Rahmen einer gemeinsamen Abschlussveranstaltung wurden die Ergebnisse aus den Workshops allen Teilnehmenden vorgetragen.
Ausblick
Das Feedback der Teilnehmenden war durchweg positiv: Es wurde der ausdrückliche Wunsch geäußert, diese Konferenz verstetigt fortzuführen und im zweijährigen Rhythmus zu wiederholen.




















































